Die Formel 1 der frühen 1990er Jahre war ein Ort der Extreme. Während sich Alain Prost und Ayrton Senna in technologisch hochgerüsteten Monstern psychologische Schlachten lieferten, gab es am Ende der Boxengasse eine Welt, die heute wie eine Fieberphantasie wirkt. Es war die Ära der „Garagisten“ und Glücksritter, eine Zeit, in der man mit genügend Chuzpe und einem Koffer voller Bargeld tatsächlich versuchen konnte, gegen McLaren und Williams anzutreten. Doch selbst für diese wilden Jahre war das, was sich 1992 unter dem Namen Andrea Moda Formula abspielte, kein bloßer Amateurismus mehr – es war eine surreale Performance-Art des Scheiterns.
Der Schuhkönig und das Pokerblatt
Alles begann mit Andrea Sassetti. Ein Mann, der so wirkte, als wäre er direkt aus einem italienischen B-Movie der 80er Jahre entsprungen: tiefschwarzes Haar, stets eine dunkle Sonnenbrille, Lederjacke und ein Faible für das große Risiko. Sassetti hatte sein Vermögen mit Damenschuhen gemacht. Die Legende besagt, er habe das Startkapital für sein Imperium beim Poker gewonnen – 500 Dollar, aus denen Millionen wurden. Doch Sassetti wollte mehr als nur den Laufsteg; er wollte den Asphalt der Königsklasse.
Im September 1991 kaufte er für rund acht Millionen Dollar die Überreste des Coloni-Teams. Enzo Coloni, ein Mann, der das Wort „Pre-Qualifying“ vermutlich häufiger gehört hatte als seinen eigenen Namen, war am Ende. Sein Team hatte seit 1989 kein einziges Rennen mehr bestritten. Sassetti übernahm die Fabrik in Passignano sul Trasimeno, ein halbes Dutzend Mechaniker und zwei veraltete Chassis. Sein Plan war simpel: Die Formel 1 sollte das ultimative Marketinginstrument für seine Schuhmarke Andrea Moda werden. Dass er von Motorsport so viel verstand wie ein Fisch vom Fahrradfahren, hielt ihn nicht auf.
Mineralwasser-Duschen und Senna-Lacher
Die ersten Wochen des Teams glichen einer Farce. Salvo Pinocchiaro, ein junger Sizilianer, der damals als Koch und Gelegenheitsfotograf zum Team stieß, erinnerte sich später an bizarre Szenen in der Fabrik. Da es keine ordentliche Wasserversorgung gab, waren tausende Flaschen Mineralwasser rund um die alten Coloni-Autos gestapelt. Die Mechaniker wuschen sich mit kohlensäurehaltigem Wasser, während sie versuchten, aus Schrott Gold zu machen.
Als das Team schließlich bei den ersten Testfahrten auftauchte, war die Skepsis groß. Selbst Ayrton Senna, der mit Morenos Frau befreundet war, soll laut Augenzeugenberichten amüsiert gelacht haben, als er die bunten, fast schon karnevalesken Uniformen des Teams sah. Er ahnte wohl schon, dass dieser Zirkus nicht lange in der Stadt bleiben würde.
Kyalami: Der erste K.o.-Schlag
Der Auftakt in Südafrika 1992 sollte der große Moment werden. Doch bevor ein Reifen den Asphalt berühren konnte, war das Wochenende für Sassetti beendet. Die FIA (damals noch FISA) unter der Führung von Max Mosley stufte Andrea Moda als „neues Team“ ein. Sassetti hatte zwar Colonis Material gekauft, aber nicht deren offiziellen Startplatz. Das bedeutete: 100.000 Dollar Kautionsgebühr für Neueinsteiger waren fällig.
Sassetti, der fest davon überzeugt war, dass die Regeln für ihn nicht gelten würden, weigerte sich zu zahlen. Er argumentierte, er sei lediglich ein umbenanntes Team. Die Offiziellen blieben hart. Andrea Moda wurde ausgeschlossen. Das Team reiste unverrichteter Dinge zurück nach Italien, während Sassetti über die „Politik“ der Formel 1 fluchte. Er zahlte schließlich doch, doch nun stand er vor einem viel größeren Problem: Da er als neues Team galt, durfte er die alten Coloni-Autos nicht verwenden. Er brauchte ein eigenes Design.
Simtek und das „schwarze Biest“
In Rekordzeit musste ein Auto her. Sassetti wandte sich an Nick Wirth und dessen Firma Simtek. Wirth hatte zufällig ein fertiges Design in der Schublade – ein Auto, das ursprünglich für einen geplanten Formel-1-Einstieg von BMW entworfen worden war. BMW hatte das Projekt jedoch gestoppt, und Simtek passte den S921 nun für Sassetti an.
Es war ein elegantes, tiefschwarzes Auto mit einem Judd V10 im Heck. Auf dem Papier war der S921 gar nicht schlecht. Doch Papier gewinnt keine Rennen, wenn das Team dahinter aus Mechanikern besteht, die teilweise direkt aus der Schuhfabrik rekrutiert worden waren.
Die Fahrer: Ein Söldner und ein Opfer
Um das Chaos zu steuern, verpflichtete Sassetti zwei Männer, deren Schicksale nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können. Roberto Moreno, ein erfahrener Brasilianer und exzellenter Testfahrer, übernahm die Rolle des „Söldners“. Er verlangte 15.000 Dollar in bar, bevor er überhaupt in das Auto stieg.
Der zweite Sitz ging an den Briten Perry McCarthy. McCarthy war ein Kämpfer, der sich durch Jobs auf Ölbohrinseln seine Karriere finanziert hatte. Er wusste noch nicht, dass er in der Formel 1 zur Zielscheibe von Sassettis Launen werden würde. Seine Superlizenz wurde in Brasilien erst erteilt, dann nach sieben Stunden wieder entzogen und später unter massivem Lobbying von Bernie Ecclestone wiederhergestellt. Doch Sassetti wollte McCarthy gar nicht mehr. Er wollte Enrico Bertaggia zurück, der eine Million Dollar an Sponsorengeldern versprochen hatte. Da die FIA jedoch keine weiteren Fahrerwechsel erlaubte, blieb McCarthy im Team – als unerwünschter Gast.
Das Wunder von Monte Carlo
Inmitten des Desasters gab es diesen einen Moment, der heute als eine der größten Leistungen der Formel-1-Geschichte gilt. Monaco, 1992. Die Pre-Qualifikation war damals ein gnadenloses Aussiebverfahren am Donnerstagmorgen. Wer hier nicht unter die ersten Vier kam, war raus.
Moreno peitschte den schwarzen Andrea Moda durch die Häuserschluchten. Er war schneller als die Venturis und der Fondmetal. Er schaffte den Sprung in das eigentliche Training. Am Samstag passierte das Unmögliche: Moreno qualifizierte sich als 26. für den Start. Die Boxengasse applaudierte. Mechaniker anderer Teams, die Andrea Moda bisher nur belächelt hatten, zogen den Hut. Moreno startete das Rennen, hielt elf Runden lang mit dem Feld mit, bevor der Judd-Motor mit einem Ventilschaden aufgab. Es sollte das einzige Mal bleiben, dass ein Andrea Moda eine Startflagge sah.
Sabotage und Lebensgefahr
Während Moreno wie ein Held gefeiert wurde, erlebte Perry McCarthy die dunkle Seite Sassettis. In Barcelona wurde McCarthy schlichtweg im Hotel vergessen. Das Team fuhr ohne ihn zur Strecke, um ihn zum Rücktritt zu zwingen. McCarthy schaffte es per Anhalter gerade noch rechtzeitig, nur um nach 18 Metern im Auto mit einem Motorschaden liegen zu bleiben.
In Silverstone wurde es lebensgefährlich. Das Team schickte McCarthy bei völlig trockener Strecke auf gebrauchten Regenreifen hinaus – den einzigen Reifen, die man für sein Auto noch „übrig“ hatte. McCarthy raste über den Kurs, die Reifen lösten sich in Fetzen auf, während er versuchte, irgendwie eine Rundenzeit zu setzen. Er war 16 Sekunden langsamer als Moreno.
Der absolute Tiefpunkt folgte in Spa-Francorchamps. McCarthy wurde auf die Strecke geschickt, obwohl die Mechaniker wussten, dass die Lenkung an seinem Wagen defekt war. Er war fast in der berüchtigten Eau Rouge verunglückt, als die Lenkung plötzlich blockierte. Als er in die Box kam und den Defekt meldete, zuckten die Mechaniker nur mit den Schultern: „Ja, wir wissen es. Das ist die kaputte Lenkung aus Robertos Auto.“ Es war ein versuchter Mord in 300 km/h.
Das Ende in Handschellen
Das Schicksal von Andrea Moda wurde jedoch nicht auf der Strecke besiegelt, sondern im Fahrerlager von Spa. Während das Training lief, rückte die belgische Polizei an. Andrea Sassetti wurde verhaftet. Der Vorwurf: Betrug und Urkundenfälschung im Zusammenhang mit unbezahlten Rechnungen eines Spediteurs.
Die Bilder des Teamchefs, der in Handschellen durch das Paddock geführt wurde, waren das letzte Puzzleteil für Max Mosley. Wegen „Rufschädigung des Sports“ wurde Andrea Moda lebenslang aus der Formel 1 ausgeschlossen.
Sassetti gab jedoch nicht auf. Eine Woche später tauchte er mit seinen Trucks in Monza auf. Er hatte eine einstweilige Verfügung eines italienischen Gerichts erwirkt, die ihm den Zutritt zum Paddock erlauben sollte. Doch Bernie Ecclestone und die FIA dachten nicht daran, diesen Zirkus fortzusetzen. Die Tore blieben geschlossen. Andrea Moda Formula war Geschichte.
Epilog: Was bleibt?
Andrea Moda bleibt ein Mahnmal für eine Zeit, in der die Formel 1 noch unkontrolliert und wild war. Roberto Moreno rettete seine Karriere und fuhr später für Forti und in der IndyCar-Serie. Perry McCarthy fand eine ganz andere Berufung: Er wurde der erste „Stig“ in der Kultsendung Top Gear. Seine Erfahrungen mit Andrea Moda halfen ihm vermutlich, die Gefahr hinter einer weißen Maske gelassener zu sehen.
Und Andrea Sassetti? Er besitzt die beiden S921-Chassis noch heute. In einem seltenen Interview behauptete er Jahre später, man habe ihn aus der Formel 1 gedrängt, weil er den „Großen“ zu gefährlich geworden sei. Er sah sich nicht als Versager, sondern als Rebellen. Die Realität jedoch ist profaner: Andrea Moda war das Team, das uns lehrte, dass man für die Formel 1 mehr braucht als nur schicke Schuhe und ein Pokerface. Man braucht Kompetenz – oder zumindest eine Lenkung, die funktioniert.
