Es sollte das ultimative Heimspiel für die erfolgreichste Familie des deutschen Automobilsports werden. Am 24. Juni 2001 stand der Nürburgring Schauplatz eines geschichtsträchtigen Aufeinandertreffens, das die Grenzen familiärer Loyalität auf eine Zerreißprobe stellte. Der Große Preis von Europa 2001 ging nicht nur als taktische Meisterleistung in die Chroniken ein, sondern offenbarte die kompromisslose Kälte, die nötig ist, um in der modernen Formel 1 die absolute Krone zu behaupten.
Die Kulisse in der rheinland-pfälzischen Eifel war elektrisierend. 142.000 enthusiastische Zuschauer säumten die Naturtribünen des 4,556 Kilometer langen Grand-Prix-Kurses, um Zeugen einer Zeitenwende zu werden. Michael Schumacher, der amtierende Weltmeister im Ferrari F2001, reiste mit einem komfortablen Vorsprung von 18 Punkten auf den McLaren-Mercedes-Piloten David Coulthard an. Doch die größte Gefahr drohte dem Kerpener nicht aus England, sondern aus dem eigenen Elternhaus. Sein jüngerer Bruder Ralf hatte sich im FW23 des wiedererstarkten Williams-BMW-Teams zu einem ebenbürtigen Kontrahenten entwickelt. Mit dem bärenstarken Zehnzylindermotor aus München im Heck war der jüngere Schumacher-Bruder bereit, die Hierarchie endgültig umzustoßen.
Der Block von Kurve 1: Familienduell ohne Samthandschuhe
Bereits im einstündigen Qualifikationstraining am Samstag deutete sich das Drama an. Michael Schumacher sicherte sich mit einer Rundenzeit von 1:14,960 Minuten die Pole Position – nur eine Haaresbreite vor seinem Bruder Ralf Schumacher, der die erste Startreihe für Williams-BMW komplettierte. Der aufstrebende Juan Pablo Montoya lauerte im zweiten Williams-BMW auf dem dritten Startplatz unmittelbar dahinter. Ralf wusste, dass die lange Gerade zur Castrol-S-Kurve seine beste Chance bieten würde. Der bärenstarke BMW-Motor, der in der Qualifikationskonfiguration schätzungsweise über 850 PS mobilisierte, besaß auf den ersten Metern einen spürbaren Beschleunigungsvorteil gegenüber dem filigraneren Ferrari-Triebwerk.
Als die roten Startampeln am Sonntag um 14:00 Uhr erloschen, explodierte die Geräuschkulisse in der Eifel. Ralf Schumacher erwischte von Platz 2 aus den perfekten Start und saugte sich sofort an das Heck seines Bruders. Was dann folgte, ging als eines der umstrittensten Startmanöver der Ära in die Geschichte ein. Michael Schumacher zog seinen roten Ferrari ohne Zögern extrem weit nach rechts rüber. Er schnitt dem heranstürmenden Williams seines Bruders rücksichtslos den Weg ab und drängte diesen fast bis auf die Boxenmauer. Ralf musste leicht vom Gas gehen, um eine fatale Kollision bei über 240 km/h zu vermeiden. Diese Millimeter-Entscheidung sicherte Michael die Führung vor der ersten Kurve, hinterließ jedoch tiefe Risse im Verhältnis der beiden Brüder, was Ralf nach dem Rennen zu einer fluchtartigen Abreise veranlasste.
Die Belastungsprobe für Mensch und Maschine
Nach dem turbulenten Start entwickelte sich an der Spitze ein hochkarätiges taktisches Schachspiel. Ralf Schumacher steckte nicht auf, behauptete die zweite Position vor dem drängenden Montoya und setzte sich direkt in das Getriebe des Führenden. Der Williams-BMW FW23 war auf den Geraden das schnellere Auto, doch in den verwinkelten Passagen des Nürburgrings wie dem Müllenbach-Geschlängel konnte Michael die aerodynamische Ausgewogenheit seines Ferrari voll ausspielen. Über 30 Runden hinweg betrug der Abstand zwischen den beiden führenden Brüdern selten mehr als eine Sekunde. Ein einziger kleiner Fahrfehler, ein Verbremser in der Veedol-Schikane, hätte den Führungswechsel bedeutet.
Währenddessen forderten die sommerlichen Bedingungen Tribut im Mittelfeld. Am markantesten zeigte sich dies in der Chronik der Ausfälle bei den Teams mit Honda- und Acer-Motoren. Heinz-Harald Frentzen im Jordan-Honda und sein ehemaliger Teamkollege Jarno Trulli strandeten im Verlauf des Rennens mit identischen Motorendefekten an exakt derselben Stelle der Rennstrecke. Die thermische Belastung der hochgezüchteten Drehzahl-Monster, die im Renntrimm bis zu 18.000 Umdrehungen pro Minute erreichten, war auf dem welligen Eifelkurs am Limit.
Die weiße Linie des Schicksals
Die Entscheidung in diesem psychologischen Abnutzungskampf fiel in der Boxengasse. In Runde 39 steuerten beide Brüder nahezu zeitgleich ihre Crews an, um den entscheidenden zweiten Tankstopp und Reifenwechsel zu absolvieren. Die Ferrari-Mechaniker arbeiteten fehlerfrei, und Michael beschleunigte zurück auf die Strecke. Ralf folgte unmittelbar dahinter, getrieben von dem Wissen, dass er nur über den Boxenstopp eine reale Chance auf den Führungswechsel besaß. Beim Verlassen der Boxenausfahrt in Runde 40 unterlief dem jüngeren Schumacher jedoch der entscheidende Fehler: Er überfuhr mit den linken Rädern die weiße Begrenzungslinie, die die Ausfahrspur von der Ideallinie trennt.
Die Rennleitung unter der Führung von FIA-Renndirektor Charlie Whiting verstand in jener Saison keinen Spaß bei diesem Sicherheitsvergehen. Das Urteil folgte prompt: Eine Zehn-Sekunden-Stop-and-Go-Strafe. Als Ralf Schumacher in Runde 45 die Strafe absitzen musste, war der Traum vom Heimsieg geplatzt. Er fiel weit zurück und überließ den zweiten Platz kampflos seinem kolumbianischen Teamkollegen Juan Pablo Montoya. Michael Schumacher war fortan an der Spitze isoliert und kontrollierte das Tempo bis zur Zielflagge nach 67 Runden souverän.
Die Debütanten und die Hinterbänkler: Alonsos Kampf gegen die Windmühlen
Am Ende des Feldes lieferte Fernando Alonso im Minardi erneut eine Talentprobe ab. Vom letzten Startplatz aus ins Rennen gegangen, profitierte der Spanier von einer cleveren Einstopp-Strategie und peitschte das chronisch unterlegene Monocoque bis auf den 14. Gesamtrang nach vorne. Er distanzierte seinen Teamkollegen Tarso Marques um über eine Runde und hielt im direkten Duell die Benetton-Renault von Jenson Button und Giancarlo Fisichella rundenlang in Atem. Für Alonso war der Nürburgring ein weiterer Beleg dafür, dass in den Notizen der Top-Teams sein Name ganz oben stand.
Das Fazit des Nürburgrings 2001
Mit diesem Triumph baute Michael Schumacher seine Führung in der Weltmeisterschaft weiter aus und legte den Grundstein für seinen späteren vierten WM-Titel. Für Juan Pablo Montoya bedeutete der zweite Platz ein wichtiges Karriere-Highlight und die Bestätigung seines außergewöhnlichen Speeds im Williams. Die schnellste Rennrunde des Nachmittags ging ebenfalls auf das Konto des Kolumbianers, der in Runde 27 mit 1:18,354 Minuten den absoluten Streckenrekord für dieses Streckenlayout in den Asphalt brannte – ein Rekord, der für diese Konfiguration für immer Bestand haben sollte, da die Strecke im Folgejahr tiefgreifend umgebaut wurde.
Der Große Preis von Europa 2001 zeigte die Formel 1 in ihrer pursten Form: Ein brutaler Kampf der High-Tech-Schmieden aus Maranello, Grove und Woking, gepaart mit einem Familiendrama, das sportliche Härte neu definierte. Es bewies einmal mehr, dass auf der Jagd nach WM-Punkten selbst das eigene Blut keine Vorfahrt genießt. setzte sich der Williams-BMW neben den Ferrari.
