1. Die Jordan-Ära: Rock ’n’ Roll und gelbe Flitzer (1991–2005)
Alles begann mit der Unverschämtheit eines ehemaligen Gebrauchtwagenhändlers aus Irland. Eddie Jordan trat 1991 mit dem Jordan 191 an – einem Auto, das heute als eines der schönsten der F1-Geschichte gilt.
Der Geniestreich und der Rekord-Abgang
Schon im ersten Jahr bewies Jordan ein Auge für Talente. Weil sein Stammfahrer Bertrand Gachot im Gefängnis landete (wegen eines Pfefferspray-Vorfalls in London), brauchte Eddie Ersatz. Er verpflichtete einen jungen Deutschen namens Michael Schumacher für Spa 1991. Schumacher qualifizierte sich sensationell als Siebter, bevor er nach nur einem Rennen von Benetton abgeworben wurde. Jordan kassierte eine Abfindung, die dem Team das Überleben sicherte.
Die goldenen Jahre: 1998 und 1999
Nach Jahren im Mittelfeld gelang 1998 der Durchbruch. Bei einem sintflutartigen Regenrennen in Spa-Francorchamps feierte das Team einen historischen Doppelsieg durch Damon Hill und Ralf Schumacher. 1999 war Jordan sogar ein Titelkandidat: Heinz-Harald Frentzen gewann zwei Rennen und hielt das Team bis kurz vor Saisonende im Kampf um die Weltmeisterschaft gegen Mika Häkkinen und Eddie Irvine. Jordan belegte Platz 3 in der Konstrukteurswertung – der absolute Zenit der Ära.
„Wir waren die Rockstars der Boxengasse. Wir hatten die lautesten Partys und die schnellsten Autos – zumindest manchmal.“ – Eddie Jordan
Doch mit dem Rückzug von Motorenpartner Honda und steigenden Kosten begann der Abstieg. Der letzte Sieg durch Giancarlo Fisichella in Brasilien 2003 war ein glücklicher Zufall in einem Chaos-Rennen. 2005 verkaufte Eddie sein Lebenswerk.
2. Die Identitätskrise: Midland und Spyker (2006–2007)
Diese zwei Jahre waren die turbulentesten der Teamgeschichte. Es war eine Phase, in der das Team Silverstone fast in der Bedeutungslosigkeit verschwand.
Midland F1 (2006)
Der russisch-kanadische Geschäftsmann Alex Shnaider übernahm das Team. Der M16 war jedoch ein Hinterbänkler-Auto. Ohne Punkte und mit wenig Charisma blieb Midland ein kurzes Kapitel. Es war das erste Mal, dass ein Team unter russischer Flagge startete.
Spyker F1 (2007)
Noch während der Saison 2006 wurde das Team an den niederländischen Sportwagenhersteller Spyker verkauft. Die Autos wurden knallorange. Das Highlight dieser Ära? Der Große Preis von Europa am Nürburgring 2007, als der Debütant Markus Winkelhock das Rennen für einige Runden anführte, weil er als Einziger auf die richtige Wetterstrategie gesetzt hatte. Ein Moment für die Ewigkeit, doch Spyker fehlte das Geld.
3. Die Force-India-Ära: Die Könige der Effizienz (2008–2018)
Im Jahr 2008 kaufte der indische Milliardär Vijay Mallya das Team. Er versprach, Indien auf die F1-Landkarte zu bringen. Was folgte, war eine der beeindruckendsten Leistungen im modernen Motorsport.
Der Schock von Spa 2009
Nach einem punktlosen Jahr 2008 geschah 2009 das Unmögliche: Giancarlo Fisichella holte in Spa die Pole-Position und beendete das Rennen als Zweiter, nur knapp hinter Kimi Räikkönen im Ferrari. Es war das Signal: Silverstone war zurück.
Best of the Rest
Unter der Führung von Betriebsdirektor Otmar Szafnauer entwickelte sich Force India zur „Pfund-für-Pfund“ besten Mannschaft. Mit einem Bruchteil des Budgets von Ferrari oder Mercedes belegten sie 2016 und 2017 den vierten Platz in der Konstrukteursweltmeisterschaft.
Fahrer-Duos: Hülkenberg/Perez und später Ocon/Perez sorgten für interne Duelle, die oft am Rande des Wahnsinns (und der Boxenmauer) geführt wurden.
Sergio Perez: Er wurde zum „Podium-Hamster“ und holte regelmäßig Treppchenplätze, wenn die Großen patzten.
Doch Mallyas privates Imperium geriet ins Wanken. 2018 war das Team zahlungsunfähig. Um die Arbeitsplätze in Silverstone zu retten, löste ausgerechnet Sergio Perez durch eine Klage die Insolvenzverwaltung aus, was den Verkauf ermöglichte.
4. Racing Point: Vom „Pink Panther“ zum Mercedes-Klon (2018–2020)
Ein Konsortium unter der Leitung von Lawrence Stroll kaufte das Team. Der kanadische Milliardär hatte ein klares Ziel: Seinen Sohn Lance zum Weltmeister zu machen und das Team an die Spitze zu führen.
Die „Tracing Point“ Kontroverse
2020 schockierte das Team die Konkurrenz mit dem RP20. Das Auto sah dem Weltmeister-Mercedes des Vorjahres nicht nur ähnlich – es war quasi eine Kopie. Die Konkurrenz tobte, es gab Punktabzüge und Geldstrafen, doch das Auto war schnell.
Der emotionale Höhepunkt
Beim Sakhir GP 2020 passierte das Wunder: Nachdem er in der ersten Runde auf den letzten Platz zurückgefallen war, pflügte Sergio Perez durch das Feld und gewann das Rennen. Es war der erste Sieg für das Team seit 17 Jahren. Ein bittersüßer Moment, da Perez bereits wusste, dass er für das nächste Jahr durch Sebastian Vettel ersetzt werden würde.
5. Aston Martin: Das grüne Imperium (2021–Heute)
Mit der Umbenennung in Aston Martin Aramco Cognizant begann das teuerste Kapitel der Teamgeschichte. Lawrence Stroll investierte hunderte Millionen in einen neuen „Technologie-Campus“ in Silverstone, inklusive eigenem Windkanal.
Die Ära Vettel und der Alonso-Schock
Sebastian Vettel brachte zwischen 2021 und 2022 Weltmeister-Mentalität und Glanz ins Team, auch wenn die Ergebnisse schwankten. Sein Rücktritt öffnete die Tür für einen weiteren Champion: Fernando Alonso.
2023 startete das Team furios. Alonso holte Podium um Podium und forderte Red Bull zeitweise heraus. Aston Martin war plötzlich die zweite Kraft im Feld.
CHRONIK: TEAM SILVERSTONE
| ZEITRAUM | TEAMNAME | BESITZER | ERFOLGE | SCHLÜSSELFIGUR |
|---|---|---|---|---|
| 1991 – 2005 | Jordan Grand Prix | Eddie Jordan | 3. Platz WM (1999) | Michael Schumacher |
| 2006 | Midland F1 | Alex Shnaider | Konstrukteur P10 | Tiago Monteiro |
| 2007 | Spyker F1 | Michiel Mol | P8 Nürburgring | Markus Winkelhock |
| 2008 – 2018 | Force India | Vijay Mallya | 4. Platz WM (16/17) | Sergio Perez |
| 2018 – 2020 | Racing Point | Lawrence Stroll | Sieg (Sakhir 2020) | Sergio Perez |
| 2021 – HEUTE | Aston Martin | Lawrence Stroll | 8 Podien (2023) | Fernando Alonso |
Die Seele von Silverstone: Warum dieses Team anders ist
Was Team Silverstone von Projekten wie Toyota oder Jaguar unterscheidet, ist die Kultur. In der Fabrik arbeiten teilweise Menschen, die schon dabei waren, als Eddie Jordan noch in einem Wohnwagen saß. Es herrscht ein Geist des „Underdog-Tums“.
Effizienz: Sie wissen, wie man aus einem Euro zwei Euro Leistung macht.
Anpassungsfähigkeit: Sie haben fünf Besitzerwechsel und diverse Weltkrisen überlebt.
Loyalität: Viele Ingenieure lehnten Angebote von Top-Teams ab, um in der familiären Atmosphäre von Silverstone zu bleiben.
Heute, unter dem Banner von Aston Martin und mit dem Einstieg von Honda als Motorenpartner ab 2026 sowie der Verpflichtung von Design-Genie Adrian Newey, ist das Team kein Underdog mehr. Es ist auf dem Weg, ein Superteam zu werden.
Zusammenfassung der Entwicklung
Vom lauten, gelben Jordan über den effizienten, indischen Force India bis hin zum stolzen, britischen Renngrün von Aston Martin: Das Team Silverstone hat bewiesen, dass man in der Formel 1 nicht nur Geld, sondern vor allem einen langen Atem braucht.
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