Die Formel-1-Saison 1997 war eine Zäsur. Nach dem Titelgewinn im Vorjahr wurde Damon Hill von Williams vor die Tür gesetzt und wechselte überraschend zum britischen Hinterbänkler-Team TWR Arrows. Ein Team, das seit seiner Gründung 1978 noch nie ein Rennen gewonnen hatte. Dieser Wechsel wirkte wie ein karrieretechnischer Selbstmord. Doch die Geschichte des Arrows A18 unter der Führung von Hill ist mehr als nur ein Kapitel der Mittelmäßigkeit – es ist eine Geschichte von unerwartetem Potenzial, einem riskanten Reif poker und einem 50-Cent-Bauteil, das Motorsportgeschichte verhinderte.
Ein Risiko auf vielen Ebenen: Das Technik-Paket
Der Arrows A18, entworfen von Frank Dernie (bevor Star-Designer John Barnard später in der Saison zum Team stieß), war ein solides, aber unspektakuläres Auto. Das größte Risiko lag im Antrieb und den Reifen: Angetrieben wurde der Wagen von einem leichten, aber unzuverlässigen Yamaha V10 (gebaut von Judd). Zudem wagte Arrows als eines der wenigen Teams den Wechsel zum Formel-1-Neuling Bridgestone.
Die Erwartungen waren gedämpft. Hill, der mit der Startnummer 1 auf dem roten Auto fuhr, qualifizierte sich beim Saisonauftakt in Australien aufgrund technischer Probleme kaum und fiel im Rennen in der Einführungsrunde aus. Es schien der Beginn eines Albtraums zu sein.
Der Kampfgeist des Champions
Doch Damon Hill zeigte eine bemerkenswerte Professionalität. Trotz der demütigenden Situation, im hinteren Mittelfeld zu kämpfen, trieb er das Team an. Während der Yamaha-Motor oft platzte, zeigte sich bald, dass die Bridgestone-Reifen auf bestimmten Strecken und bei Hitze einen Vorteil gegenüber den etablierten Goodyear-Reifen der Top-Teams (Ferrari, Williams, McLaren) haben könnten. Hill holte in Silverstone mit Platz 6 den ersten Punkt – ein Achtungserfolg.
Das Wunder von Ungarn
Der absolute Höhepunkt folgte beim Großen Preis von Ungarn auf dem Hungaroring. Bei brütender Hitze spielten die Bridgestone-Reifen ihren Vorteil voll aus. Hill qualifizierte sich sensationell auf dem dritten Startplatz, nur geschlagen von Michael Schumacher und Jacques Villeneuve.
Was dann im Rennen folgte, gehört zu den größten Fahrleistungen der 90er-Jahre. Hill erwischte einen guten Start und überholte Villeneuve sofort. In der 11. Runde geschah das Unfassbare: Hill überholte den Führenden Michael Schumacher im Ferrari auf der Strecke. Es war kein Taktik-Manöver, sondern ein echtes Überholmanöver, da Schumachers Reifen in der Hitze Blasen warfen.
Hill dominierte das Rennen nach Belieben. Er führte mit über 35 Sekunden Vorsprung und fuhr dem sicheren, ersten Sieg in der Geschichte von Arrows entgegen. Die Sensation war greifbar.
Die Tragödie der letzten drei Runden
Doch der Traum zerplatzte auf grausame Weise. Drei Runden vor Schluss versagte eine Dichtung im Hydrauliksystem – ein Bauteil im Wert von wenigen Cent. Das System verlor Druck. Zuerst fiel die Drosselklappensteuerung aus, sodass Hill das Gaspedal nur noch digital (Vollgas oder nichts) bedienen konnte, dann steckte das Getriebe im dritten Gang fest. Der Arrows kroch nur noch um den Kurs. In der allerletzten Runde, wenige Kilometer vor dem Ziel, schoss Jacques Villeneuve im Williams an dem waidwunden Arrows vorbei. Hill rettete den Wagen als Zweiter ins Ziel.
Das Erbe der Saison 1997
Trotz der bitteren Enttäuschung feierten die Fans Hill wie einen Sieger. Er hatte bewiesen, dass er nicht nur im besten Auto (Williams) gewinnen konnte, sondern auch in der Lage war, unterlegenes Material an die Spitze zu bringen.
Nach Ungarn blieben weitere Wunder aus, doch Hill und sein Teamkollege Pedro Diniz sammelten insgesamt 9 Punkte, was Arrows den 8. Platz in der Konstrukteurs-WM sicherte.
Die Saison 1997 mag statistisch nicht Hills beste gewesen sein, aber sie polierte seinen Ruf enorm auf. Der Arrows A18 bleibt durch das Rennen in Ungarn unvergessen – als das Auto, das zeigte, wie nah Triumph und Tragödie im Motorsport beieinanderliegen. Damon Hills Fahrt auf dem Hungaroring war kein Zufallstreffer, sondern eine Meisterleistung, bei der Fahrer und Reifen den Giganten der Formel 1 für einen Nachmittag die Show stahlen.
