Zeitraum: 19. Februar – 25. Februar 2001
Der Zirkus schlägt seine Zelte auf
Zehntausende Kilometer Luftlinie von den europäischen Fabriken entfernt, erwacht der Albert Park in Melbourne zum Leben. Die achte Kalenderwoche des Jahres 2001 steht im Zeichen der Akklimatisierung und des logistischen Endspurts. Tonnenweise Luftfracht, die in der Vorwoche in London-Heathrow und Mailand-Malpensa verladen wurde, erreicht den australischen Zoll. Für die Chefmechaniker beginnt ein logistischer Wettlauf: Aus Transportkisten müssen binnen weniger Tage voll funktionsfähige Hochtechnologie-Garagen entstehen. Jeder Schraubenschlüssel, jeder Laptop und jedes Telemetrie-Kabel muss exakt an seinem Platz liegen.
Der Kampf gegen die innere Uhr
Während die Mechaniker in den temporären Boxenanlagen schwitzen, kämpfen die Piloten mit einem unsichtbaren Gegner: dem Jetlag. Ein Zeitunterschied von zehn Stunden zwingt die Athleten zu strengen Schlafrhythmen. Die etablierten Fahrer wie Michael Schumacher und Mika Häkkinen reisen bewusst frühzeitig an, um sich an die hochsommerlichen Bedingungen und die Zeitverschiebung anzupassen. Die Trainingspläne werden umgestellt, das Joggen am St. Kilda Beach gehört zum Standardprogramm der Vormittage. Die physische Belastungskomponente wird durch den Temperaturwechsel von knapp über dem Gefrierpunkt in Europa zu über 30 Grad Celsius im australischen Spätsommer drastisch verschärft.
Die Besonderheiten des Albert Parks
Die Ingenieure nutzen die Tage ohne Motorenlärm für theoretische Setup-Arbeit. Der Albert Park Circuit ist keine permanente Rennstrecke, sondern ein temporärer Straßenkurs, der sich durch öffentliche Parkanlagen schlängelt. Das bedeutet für die KW 08: Die Simulationen laufen heiß. Der Asphalt ist „grün“, bietet anfangs extrem wenig Grip und ist durch den normalen Straßenverkehr uneben. Die Fahrwerke müssen einen Kompromiss aus mechanischem Grip für die langsamen Schikanen und Stabilität für die schnellen Passagen finden. Besonders der Reifenverschleiß steht im Fokus. Michelin, nach Jahren der Abwesenheit zurückgekehrt, hat keine Erfahrungswerte auf dieser spezifischen Strecke. Die Ingenieure von Williams und Benetton studieren historische Wetterdaten und Asphaltbeschaffenheiten, um die richtige Reifenwahl aus dem Kontingent der Franzosen zu treffen.
Die Psychologie der Rookies
Das mediale Interesse fokussiert sich in den Tagen vor dem ersten Motorstart massiv auf die Debütanten. Juan Pablo Montoya wird von der südamerikanischen und britischen Presse auf Schritt und Tritt verfolgt. Fernando Alonso macht sich mit der spartanischen Realität am Ende der Boxengasse bei Minardi vertraut, wo das Auto erst im letzten Moment komplettiert wird. Die bemerkenswerteste Anekdote dieser Woche liefert jedoch Kimi Räikkönen. Während der Druck auf den umstrittenen Finnen mit der provisorischen Superlizenz immens ist, berichten Teammitglieder von Sauber von einer beispiellosen stoischen Ruhe. Der 21-Jährige entzieht sich dem Trubel, schläft in jeder freien Minute und zeigt keinerlei Anzeichen von Nervosität. Es ist die Geburtsstunde einer Attitüde, die den „Iceman“ später zur Legende machen wird.
