Zeitraum: 28. Mai – 03. Juni 2001
Die 22. Kalenderwoche des Jahres 2001 stand ganz im Zeichen des logistischen Kraftakts. Innerhalb weniger Tage mussten Tonnen von Material aus den engen Gassen von Monte Carlo verladen und per Luftfracht nach Nordamerika transportiert werden. Ziel war die Île Notre-Dame in Montreal. Der Circuit Gilles-Villeneuve war berühmt-berüchtigt für seine harten Bremszonen, die langen Vollgas-Geraden und die unbarmherzigen Mauern – allen voran die „Wall of Champions“. Doch in der KW 22 drehten sich die Gespräche im Fahrerlager weniger um die Logistik, sondern um eine historische Konstellation, die sich an der Spitze der Königsklasse anbahnte.
Williams-BMW im Angriffsmodus: Die Stunde der Motoren-Power
In den Tagen vor den ersten Trainingssitzungen in Kanada herrschte in Grove und München extreme Zuversicht. Der Circuit Gilles-Villeneuve war eine absolute Motorenstrecke. Das Layout verlangte brutale Beschleunigung aus den Schikanen heraus auf die langen Geraden. In der KW 22 liefen die Prüfstände bei BMW in München auf Hochtouren. Man wusste: Der BMW P80 Zehnzylinder war das mächtigste Triebwerk im Feld. Nach dem schwierigen Monaco-Wochenende, an dem die Aerodynamik des FW23 den Wagen eingebremst hatte, war Montreal das perfekte Terrain für eine weiß-blaue Revanche. Ralf Schumacher und Juan Pablo Montoya galten in den Analysen dieser Woche als die logischen Favoriten, um Ferrari und McLaren-Mercedes die Stirn zu bieten.
Ferrari und McLaren im psychologischen Clinch
Bei Ferrari arbeitete man in der KW 22 fieberhaft an der Standfestigkeit der Bremsanlagen. Montreal belastete die Bremsscheiben so stark wie kaum eine andere Strecke im Kalender. Michael Schumacher ging nach seinem Monaco-Triumph mit einem komfortablen Vorsprung von 12 Punkten in die Woche, doch der Weltmeister warnte vor verfrühter Euphorie. Er wusste, dass die Kombination aus Williams-Speed und den Michelin-Reifen auf dem rauen Asphalt von Montreal eine tödliche Bedrohung darstellte.
Bei McLaren-Mercedes war die KW 22 eine Phase der Wundenleckens. Der Software-Fehler, der David Coulthard in Monaco die Pole-Position gekostet hatte, wurde in Woking lückenlos analysiert. Coulthard gab sich kämpferisch und betonte, dass der WM-Kampf noch lange nicht entschieden sei. Doch teamintern wuchs der Druck: McLaren durfte sich keine weiteren Elektronik-Patzer erlauben, wenn man Schumacher nicht enteilen lassen wollte.
Das historische Familien-Duell wirft seine Schatten voraus
Was die KW 22 jedoch historisch so einzigartig machte, war das spürbare Herannahen eines Meilensteins. Zum ersten Mal in der Geschichte der Formel 1 zeichnete sich ab, dass zwei Brüder – Michael und Ralf Schumacher – nicht nur in unterschiedlichen Top-Teams fuhren, sondern ein Rennwochenende komplett dominieren könnten. In den Medien wurde das Duell „Schumi I gegen Schumi II“ zum alles beherrschenden Thema stilisiert. Die Statistiker kramten in den Archiven, doch es gab kein Vorbild: Nie zuvor hatten zwei Brüder die erste Startreihe oder gar die ersten beiden Plätze eines Grand Prix unter sich ausgemacht. Die KW 22 war die Ruhe vor dem Sturm für die Familie Schumacher.
Der Blick auf das Hinterfeld: Jaguares Euphorie und Prosts Überlebenskampf
Abseits des Giganten-Duells zehrte das Jaguar-Team in der KW 22 noch vom sensationellen Podiumsplatz durch Eddie Irvine in Monaco. Das Team hoffte, den Schwung des ersten Podiums der Teamgeschichte mit über den Atlantik zu nehmen, auch wenn man wusste, dass die Charakteristik von Montreal dem Jaguar-Cosworth weniger entgegenkam. Am Ende des Fahrerlagers kämpfte Alain Prost unterdessen weiter verzweifelt um die Existenz seines Rennstalls. Der in Monaco durch Jean Alesi errungene WM-Punkt war ein Lebenszeichen, doch in der KW 22 ging es in den Verhandlungen im Hintergrund um handfeste finanzielle Zusagen, um die Saison überhaupt zu Ende fahren zu können.
KW 22: Destination Kanada
| Pos | Fahrer (Team) | Punkte |
|---|---|---|
| 1 | Michael Schumacher (Ferrari) | 52 |
| 2 | David Coulthard (McLaren) | 40 |
| 3 | Rubens Barrichello (Ferrari) | 24 |
| 4 | Ralf Schumacher (Williams) | 12 |
| 5 | Nick Heidfeld (Sauber) | 8 |
BMW P80 V10
Gilt mit knapp 850 PS als das stärkste Triebwerk. Montreal wird zur Reifeprüfung für die Münchner Power.
Brems-Verschleiß
Extreme Belastung durch harte Stop-and-Go-Zonen. Ferrari testet modifizierte Kühlkanäle.
Circuit Gilles-Villeneuve
Schlüsselfaktor: Höchstgeschwindigkeit auf der ‚Droit du Bassin de l’Aviron‘ und maximale Bremsstabilität vor der ‚Wall of Champions‘.
